Asperger-Stammtisch Frankfurt am Main

Was ist das Asperger-Syndrom?

Das Asperger-Syndrom ist definiert als »tief­greifende Entwicklungs­störung« im Formen­kreis des Autismus mit einer Sympto­matik, die ab dem Kinder­garten­alter in Erscheinung tritt: Schwierig­keiten der sozialen Inter­aktion und Kommuni­kation, verbunden mit repeti­tiven und stereo­typen Verhaltens­mustern. Die 1992 fest­gelegten Diagnose­kriterien der ICD-10 (Schlüssel F84.5) unter­scheiden das Asperger-Syndrom vom klassi­schen Autismus durch das Fehlen einer sprach­lichen Entwicklungs­verzögerung (normaler Sprach­erwerb mit aller­dings stärker mono­logisch als kommuni­kativ gebrauchter Sprache). Diese Unter­scheidung wird heute nicht mehr unein­geschränkt aufrecht­erhalten. Synonym für »Asperger-Syndrom« können die Bezeichnungen »hoch­funktio­naler Autismus« oder »Autismus­spektrum-Störung« verwendet werden. Voraus­gesetzt wird eine normale Intelligenz.

Autistisch im Sinne von Hans Asperger sind Menschen, bei denen neuro­logische und kognitive Funk­tionen, die bei »normalen« Menschen geschmeidig in einen sozial-emotiven Kontext eingebettet sind, in einer ein­seitig isolierten, kontext­armen Ausprägung auftreten. Dadurch wird einer­seits sozial angemessenes Verhalten und Anpassungs­vermögen erschwert. Anderer­seits kann darin auch eine besondere intellek­tuelle Befähigung liegen. Die Gewichtung von Nachteil und Vorteil fällt in jeder indivi­duellen Konstellation anders aus.

Die Symptomatik des Asperger-Syndroms muss definitions­gemäß im Kindes­alter auffallen. Häufig bildet sie sich mit zuneh­mendem Alter zurück oder nimmt subtilere, weniger auf­fällige Formen an: Manchen Betroffenen gelingen Lern­prozesse, mit denen die Proble­matik bis zu einem gewissen Grade kompen­siert oder kaschiert werden kann. Im Schutze des Eltern­hauses kann Kindern und Jugend­lichen even­tuell eine relative An­nähe­rung an eine alters­typische Ent­wicklung gelingen: Mitunter treten inter­ventions­bedürftige Pro­bleme dann erst im Zusammen­hang mit den Anforde­rungen des Erwach­senen­alters auf. Generell sollte davon aus­gegangen werden, dass ein Asperger-Syn­drom die Mehr­zahl der Betroffenen in ihrem beruf­lichen wie privaten Fortkommen erheblich behindert und eine selbstständige Lebens­führung in hohem Maße er­schwert.

Charakteristisch für das Asperger-Syndrom oder hoch­funktionalen Autismus ist ein Miss­verhältnis zwischen kognitiven Fähigkeiten und dem geringen Vermögen, diese in Bezug zu sozialen Kon­texten zu setzen. Unausge­sprochene Kontext­informationen und nonverbale Kommuni­kation (Mimik, Körper­sprache) werden nicht verstanden mit der Folge, dass sozial angemessenes Verhalten nicht gelingt. Es fällt schwer, Infor­mationen in Bezug auf einen Kontext angemessen zu filtern und zu verarbeiten. Kommuni­kation über ausgewählte Sach­themen erfolgt oft brillant und typischer­weise enorm detail­reich, während Kommuni­kation auf der Beziehungs­ebene nicht verstanden wird. Ein abstrakt-theoreti­sierendes, objekti­vierendes, analy­tisches Verhältnis zur Welt kann einen intellek­tuellen Vorsprung beinhalten, während soziale »Schwingungs­fähigkeit«, der intuitiv-affektive, auf Empathie beruhende Kontakt zu Menschen fehlt. Die von Hans Asperger beschriebene »autistische Intelli­genz« lässt sich in diesem Sinne als eine kontext­arme Intelli­genz charakteri­sieren, die Schwächen und Stärken beinhalten kann.

Beispiel: Ein langjähriger Teilnehmer unserer Gruppe hat ein ausgeprägtes Gedächtnis für geo­grafische und histo­rische Daten. Nach einer eigenen Syste­matik berechnet er zahl­reiche Fahrrad­routen und gestaltet die Blätter künst­lerisch. Weiterhin schreibt er lange literarische Texte, die Fluss­läufen auf Land­karten folgen und diese mit allerhand sprachlichen Assozia­tionen verbinden. Er emp­findet diese Tätig­keiten als sinn­haft. Für Außen­stehende ist hingegen ein »Sinn« schwer erkennbar, weil hier eine stereotype Syste­matik in der Erkundung der Erd­ober­fläche als Struktur aus Fluss­läufen und Verkehrs­wegen verfolgt wird, die durch keinen sozial-kommuni­kativen Inter­pretations­kontext vermittelt ist. Charakte­ristisch für autistische Menschen ist eine solche nicht »vergesell­schaftete«, unflexible, kontext­freie Persönlich­keits­schicht. Diagnoserelevant wird sie in dem Maße, wie sie soziales Anpassungs­vermögen erschwert.

Glenn Gould Albert Einstein Ludwig Wittgenstein
Glenn Gould, Albert Ein­stein, Ludwig Witt­gen­stein: Diese Ge­nies ste­hen im Ver­dacht des Autismus

Stichworte

Behinderung – Als behindert gelten im sozial­rechtlichen Sinne Personen, deren Möglich­keiten der Teilhabe am gesellschaft­lichen Leben aus medizinisch bestimm­baren Ursachen dauerhaft einge­schränkt sind, woraus sich ein Anrecht auf Nachteils­ausgleiche ergibt. Nach der aktuellen Versorgungs­medizin-Verordnung besteht beim Asperger-Syndrom nicht mehr generell ein Anspruch auf einen Schwer­behinderten­status (Grad der Behinderung ≥ 50), sondern wie bei psychischen Erkrankungen wird je nach Schwere­grad ein GdB von 20 bis 80 zuerkannt. Die für viele autistische Menschen wichtige Gleich­stellung mit Schwer­behinderten im Bereich Arbeit und Arbeits­vermittlung kann ab GdB 30 beantragt werden. Die immer häufigere Diagnose eines Asperger-Syndroms auch in Bagatell­fällen macht es autisti­schen Menschen, die dringend auf Hilfe und Unter­stützung angewiesen sind, inzwischen schwerer, ihre Ansprüche durchzusetzen: Die bloße Diagnose reicht für die Feststellung einer Schwer­behinderung nicht mehr aus. Dem Versorgungs­amt muss ein ausführlicher Befund mit konkreter Beschreibung der Anpassungs­schwierigkeiten vorgelegt werden.

Hochbegabung – Es gibt Hinweise darauf, dass Hoch­begabungen im autistischen Spektrum möglicher­weise häufiger auftreten als im Bevölkerungs­durchschnitt. Dennoch stellen Hoch­begabte im Autismus­spektrum eine kleine Minderheit dar. Hoch­begabung setzt voraus, dass über­durch­schnittliche Intelligenz­leistungen in mehreren Kognitions­bereichen erbracht werden, während die »autistische Intelligenz«, wie Hans Asperger sie beschrieben hat, gerade durch ihre kontext­arme Isoliert­heit und Einseitig­keit charakterisiert ist. Hoch­begabungen können dazu beitragen, diese Einseitig­keit zu kompensieren. Wo die Fähigkeit einer Rekontextuali­sierung kognitiver Leistungen gegeben ist, können die Ergebnisse bedeutsam sein – bei manchen prominenten Persön­lich­keiten der Wissenschafts- und Kultur­geschichte wird Autismus vermutet. Hochbegabte autistische Menschen sind allerdings besonderen Schwierig­keiten ausgesetzt, weil Karrieren gerade in akademischen, intellek­tuellen und kreativen Berufen ein hohes Maß an »Netz­werk­fähigkeit« voraussetzen, das ihnen fehlt, und Programme der Behinderten­förderung in diesem Sektor nicht greifen.

Inselbegabung – Mitunter treten bei autistischen Menschen »Insel­begabungen« auf. Dabei ist zu unterscheiden zwischen der extrem seltenen Form des »Savant-Syndroms«, wo tatsächlich absolut außer­gewöhnliche Leistungen erbracht werden (weltweit ist nur eine drei­stellige Anzahl an Fällen dokumen­tiert, die Hälfte davon ist autistisch), und schwächeren Formen, wo bei insgesamt mäßiger Intelligenz hohe Leistungen in eng umgrenzten Teil­bereichen erbracht werden. Man trifft im Autismus­spektrum gelegentlich Menschen, die etwa zu jedem Kalender­datum blitzschnell den Wochen­tag errechnen oder Unmengen an Geographie­daten im Kopf abrufbar haben. Das Problem dabei ist der isolierte, von Hans Asperger als mechanisch und »automaten­haft« beschriebene Charakter dieser Leistungen: Sie sind nicht mit einem inter­pretativen Kontext verbunden – und deshalb von geringem praktischen Nutzen.

Krankheit – Rein formell ist das Asperger-Syndrom eine »Krankheit«, insofern es in einem medizini­schen Klassi­fikations­system erfasst ist. »Krank­heiten« sind in diesem allgemeinen Sinne Zustände, die zu einer Beeinträch­tigung von Lebens­qualität und Leistungs­vermögen, im schlimmsten Falle zur Verkürzung des Lebens führen und deren Behebung durch eine Behandlung angestrebt wird. Beim Asperger-Syndrom oder allgemein bei Autismus ist jedoch weder eine Behandel­barkeit im Sinne einer Beseitigung der Ursachen gegeben noch die für Krank­heiten typische Verlaufs­form (im Regelfall kein Auftreten und Abklingen von Symptomen). Autismus ist zunächst einmal ein »Anders­sein«, das eine von der Norm abweichende Entwicklung eines Menschen bedingt. Die Auswirkungen können unter­schiedlich ausfallen: In manchen Fällen ist Autismus dann einfach ein Persön­lich­keits­zug, in anderen indessen eine schwerwiegende Beein­trächti­gung, die eine selbst­ständige Lebens­führung unmöglich macht und lebenslang besondere Aufmerk­samkeit und Unter­stützung durch Angehörige und Institutionen erfordert. Die Psychia­terin Dr. Maria Asperger Felder, Hans Aspergers Tochter, formuliert es so: »Ich sehe Autismus immer als ein Anders­sein, als eine Besonder­heit. Autismus ist ganz klar keine Krank­heit sondern eine Störung, die dann Krank­heits­wert bekommen kann, wenn der betroffene Mensch mit den Anforderungen, die auf ihn zukommen, nicht zurechtkommt.«[1]

Motorik – Im Regelfall wirken Menschen mit Asperger-Syndrom ungelenk, steif, »unsportlich«. Hans Asperger sah das als Anzeichen für die Unausge­glichenheit von Körper und Geist in diesem Persön­lich­keits­typ. Dennoch sind autistische Menschen nicht selten in der Lage, hervor­ragende motorische Fertig­keiten auf bestimmten speziellen Gebieten zu entwickeln, etwa beim Spielen eines Musik­instruments. – Bei autistischen Kindern werden häufig motorische Manierismen wie repetitive Hand­bewegungen, Schaukeln oder Zehen­spitzen­gang beobachtet, die manchmal bis ins Erwachsenen­alter bestehen bleiben. Hierbei handelt es sich um eine motorische Spannungs­regulierung, die in Zuständen starker Erregung allen Menschen geläufig ist. Bei autistischen Menschen verrät sie innere geistige Erregungs­zustände. »Unsinnig«, weil zusammen­hang­los erscheinen diese Bewegungen nur, weil die dem autistisch struktu­rierten Nerven­system eigene Tendenz zu geistiger Anspannung für Außen­stehende nicht erkennbar ist.

Reizüberflutung – Autistische Menschen leiden häufig unter dem Problem einer starken sensorischen Empfind­lich­keit. Der gerade in städtischen Umgebungen heute übliche Pegel an akustischen und visuellen Reizen verursacht Stress und Erschöpfung. Dies steht zweifel­los im Zusammen­hang mit der für Autismus charakte­ristischen geringen »Zentral­kohärenz« der Informations­verarbeitung, d. h. dem Problem, eine Fülle an Informationen zu ordnen, nach Priorität zu sortieren und Unbrauchbares auszublenden. Dennoch ist zu beachten, dass Reiz­über­flutung als solche kein diagnose­relevantes Symptom ist: Sie ist kein spezifisches Merkmal von Autismus, der von diesem Problem betroffene Personen­kreis ist wahr­scheinlich wesentlich größer als das Autismusspektrum.

Spezialinteressen – Als typisches Merkmal des Asperger-Syndroms wird häufig die Fixierung auf eng umgrenzte Interessen angesehen, denen mit großer Intensität nachgegangen wird. Starkes Interesse an einem Themen­gebiet begründet aber noch keinen Verdacht auf Asperger-Syndrom. Autismus­typische »Spezial­interessen« zeichnen sich durch die fehlende Einbettung in einen sinnhaften Kontext und meist durch einen hochgradig mechanisch-routinehaften Charater aus: Wenn ein Kind im Vorschul­alter sich obsessiv für Wasch­maschinen interessiert, dann steht dieses Interesse in keinem Zusammen­hang zur kindlichen Lebens­welt und ist nicht mit alters­typischen sozialen Lernprozessen verbunden. Manche autistische Menschen entwickeln im Laufe des Heran­wachsens die Fähigkeit, ihre speziali­sierten Interessen durch Einbettung in einen Kontext zu vergesell­schaften und dadurch für die Allgemein­heit nutzbar zu machen.

Sprache – Während beim klassischen frühkindlichen Autismus der Sprach­erwerb verzögert einsetzt, häufig dauerhaften Einschrän­kungen unterliegt oder ganz ausbleibt, lernen Kinder mit Asperger-Syndrom normal sprechen, oder eine leichte Verzögerung wird vollständig ausgeglichen, es gibt keinen bleibenden sprachlichen Entwicklungs­rückstand. Dennoch fallen auch im Erwachsenen­alter häufig Besonderheiten der Sprache auf, etwa ein wenig modulierter Sprechton oder Schwierig­keiten, das Sprechtempo oder die Lautstärke angemessen zu regulieren: Das sind Relikte einer Entwicklung, in der Sprache von Anfang an primär objekti­vierendes Darstellungs­mittel mit wenig Einbindung in interaktive sozial-kommunikative Kontexte ist. Auch »Echolalie«, das Wiederholen von Wörtern oder Sätzen, tritt manchmal auf.

Stereotypie – Zu den diagnostischen Kern­kriterien gehört die Neigung zu stereotypen, d. h. gleich­förmig-schema­tischen und repetitiv-routine­haften Verhaltens­mustern. Grund­sätzlich gilt auch hier: Ein Bedürfnis nach wieder­erkennbaren Ordnungen, die Orientierung und Stabilität vermitteln, ist normal und bei allen Menschen in unter­schiedlichem Maße vorhanden. Bei autistischen Menschen fallen starre, ritualisierte Routinen und Gewohnheiten auf, die auf keinen sinnvollen Kontext bezogen scheinen und deshalb für Außenstehende unverständ­lich und bisweilen bizarr wirken. Es handelt sich dabei nicht um »Zwänge«, sondern einfach um eine Regulations­weise des Nerven­systems, die eine andere als die »normale« Ausprägung annimmt. Proble­matisch werden stereo­type Verhaltens­muster dann, wenn wie so stark ausgeprägt sind, dass sie die alltägliche Handlungs­fähigkeit behindern.

Therapie – Autismus ist nicht »heilbar«. Eine Beseitigung von Autismus, so wie man einen Gallen­stein beseitigt, wäre ein ethisch nicht vertretbarer Eingriff in die Persön­lichkeit. Autistische Menschen sind aber selbst­verständlich entwicklungs­fähig, sie können lernen, Defizite zu erkennen und zu kompensieren und Potenziale auszuschöpfen. Helfen können dabei Kompetenz­trainings, die an der individuellen Konstel­lation ansetzen sollten. – Als Folge der Schwierig­keiten, denen sie im Alltag ausgesetzt sind, entwickeln autistische Menschen häufig Komorbi­ditäten, beispiels­weise Depressionen. Eine Psycho­therapie muss in diesem Falle den Ursachen­zusammen­hang berücksichtigen.

  1. »Keine Kunst ohne Autismus?« Interview mit Maria Asperger Felder, Wiener Zeitung vom 1. April 2014.  ↩