Asperger-Stammtisch Frankfurt am Main

Hans Asperger

Als Assistenzarzt an der Kinder­klinik der Universität Wien beobachtete Hans Asperger (1906–1980) ab den 1930er Jahren eine Verhaltens­auffälligkeit, die er in einer 1944 veröffentlichten Habilitations­schrift[1] unter der Bezeichnung »autistische Psycho­pathie« beschrieb. (»Psycho­pathie« bedeutete damals nur das, was wir heute Persönlichkeits­störung nennen, ohne negative Wertung.) Der Plan einer weiteren, ausführlichen Publikation zu dieser Thematik scheiterte daran, dass wichtige Unter­lagen gegen Kriegs­ende bei einem Bomben­angriff vernichtet wurden. Asperger blieb zeit­lebens in Wien, wo er an der Universitäts­klinik leitende Positionen innehatte. Auf das Thema Autismus ging er in kleineren Veröffent­lichungen noch mehrfach ein, mit denen er aber nur eng umgrenzte deutsch­sprachige Fachk­reise erreichte. Erst nach seinem Tod veranlasste Lorna Wing die Über­setzung seiner Arbeiten ins Englische, wodurch eine inter­nationale Rezeption möglich wurde.

Hans Asperger
Hans Asperger in der Wiener Universitäts-Kinderklinik, ca. 1940

Als »Autismus« hatte Eugen Bleuler vor dem Ersten Welt­krieg ein psychotisches Verhalten des Rückzugs ins innere »Selbst« (griechisch αὐτός) bezeichnet. Aspergers Charakte­ristik der »autisti­schen Psycho­pathie« als eigen­ständige, bereits im frühen Kindes­alter in Erschei­nung tretende Störung nimmt, einge­bettet in den Rahmen einer damals ver­brei­teten Lehre von Persön­lich­keits­typen (Kretzschmer, Klages u. a.), Bezug auf Verhaltens­weisen von Kin­dern, die in der Schule nicht zurecht­kamen, ohne dass eine klassische Lern­schwäche vorlag: Dass sie keinem schulischen Lehrplan zu folgen vermochten und sich in keinen Klassen­verband eingliedern ließen, lag nicht an einem Mangel an Intelli­genz, sondern an einem eigen­sinnigen Lern­verhalten, das ausschließ­lich inneren Im­pulsen zu folgen schien. Diesen Kindern fehlte die Fähig­keit zum intuitiven, affektiven »Mit­schwingen« in einer sozialen Gemeinschaft. Statt­dessen mutete ihr Ver­hältnis zur Welt eigen­tümlich vergeistigt an, objekti­vierend und theoreti­sierend, fixiert auf starre eigene Ordnungs­systeme und abstrakte Wissens­inhalte ohne Bezug auf die kindliche Lebenswelt und normal alters­gemäße soziale Lern­prozesse. Das Persönlichkeits­bild wirkte un­ausgeglichen und steif. Asperger bemerkte die damit verbundene Ambi­valenz: Die »autisti­sche« Los­gelöstheit vom sozialen Kontext beinhaltet einerseits ein Verhaltens­defizit, bedingt durch einen Mangel an Einfühlungs- und Kooperations­vermögen und fehlende Integration in Gruppen­zusammenhänge. Anderer­seits kann mit dieser Distanz zum all­täglichen Lebens­vollzug ein intellek­tuelles Potenzial mit scharfer Beobachtungs­gabe und analytischem Talent einhergehen, an dessen Förderung Hans Asperger besonders gelegen war.

Dass Asperger das Vollbild dieser »autistischen Psycho­pathie« aus­schließlich an Jungen beobachtete, dürfte weitgehend damit zusammen­hängen, dass man damals Lern­problemen von Mädchen, denen von vorn­herein eine Zukunft als Haus­frau zugedacht war, wenig Auf­merk­sam­keit widmete – und folglich vor­wiegend nur Jungen in die Klinik geschickt wurden, wenn ihr schuli­scher Erfolg und damit ihre beruf­liche Perspek­tive in Frage stand. Bei der Beschäftigung mit den Familien der Patienten bemerkte Asperger immerhin, dass oft die Väter, manchmal aber auch Mütter oder weib­liche Ange­hörige mehr oder weniger »autisti­sche« Persön­lich­keits­züge zeigten. An Aspergers Auf­fassung, dass das »autisti­sche« Kognitions­schema eine zuge­spitzte Form »männ­licher« Ratio­nalität darstellt, knüpft heute Simon Baron-Cohen mit seiner Hypothese vom »extreme male brain« an, der eine Unter­scheidung syste­mati­sie­render und empathischer Gehirn­funktionen zugrunde liegt.[2] Im Autismus­spektrum stellen Männer deutlich die Mehrheit: Das scheint durch den Erbgang bedingt zu sein. Dass beim Autismus primär von genetischen Ursachen auszugehen ist, hat Asperger schon klar gesehen.

Im Schlussteil der Habilitations­schrift legt Asperger ein flammendes Plädoyer für die »soziale Wertigkeit« der »autistischen Psycho­pathen« ab, indem er darauf hinweist, dass zahl­reiche ehemalige Patienten, deren Weg ins Erwachsenen­alter er beobachten konnte, mit beacht­lichen Leistungen in intellektuell anspruchsvollen Berufen hervorgetreten sind, durch die sie trotz ihrer rätsel­haft und unzugänglich anmutenden Wesens­züge eine bedeutende Rolle in der Gesell­schaft spielen können. Anderer­seits verraten einige Text­stellen, dass Asperger sich einer großen Variations­breite autistischer Züge bewusst war, wobei den »intellek­tuell intakten« Aus­prägungen mit hoher geistiger Leistungs­fähigkeit eine mindestens ebenso große Zahl von Fällen gegenüber­steht, wo Unbeholfen­heit und Hilfs­bedürftig­keit überwiegt: Das sind die Menschen, mit denen sich zeitgleich in Amerika der gleichfalls aus Österreich stammende Emigrant Leo Kanner beschäftigte.[3] Zur Verbesserung der Situation dieser autistischen Menschen, denen eine selbst­ständige Lebens­führung nicht gelingt, hatte Asperger leider nichts zu sagen. Die von Asperger und Kanner beschriebenen Erscheinungs­formen werden heute als Elemente eines Kontinuums aufgefasst. Die Auseinander­setzung darüber, ob Autismus in erster Linie als patho­logisches Defizit oder als Befähigung anzusehen ist, hält an. Dabei ist zumindest festzustellen, dass heutzutage auch die »hoch­funk­tionalen« Individuen im Autismus­spektrum, als deren Anwalt Asperger sich verstand, kaum die guten Berufs­aussichten haben, die er ihnen zubilligte – weil heute auch Menschen mit starken geistigen Fähigkeiten Anforderungen im Hinblick auf soziales Anpassungs­vermögen ausgesetzt sind, denen autistische Individuen kaum gewachsen sind. Das ist allerdings ein gesell­schaft­liches Problem, für das trotz des neuerdings erwachten Interesses bestimmter Wirtschafts­zweige an gewinn­bringender Verwertung autistischer Arbeits­kraft keine Lösung in Sicht ist.[4]

Aspergers Forschungen fielen historisch in die Phase, als Österreich Teil von Hitlers Groß­deutschland war. Aspergers Verhalten als Arzt im Dritten Reich ist in den letzten Jahren zum Gegen­stand kontroverser Diskussion geworden. Als katholischer Christ hat Asperger zweifellos die Grund­annahmen eines völkisch-biologistischen Menschen­bilds abgelehnt. Die von ihm selbst in die Welt gesetzte Legende, es sei ihm stets in erster Linie darum gegangen, durch die sozial­darwinistische Ideologie bedrohte Menschen vor dem mörderischen Zugriff der »Euthanasie« zu schützen, hat allerdings Risse bekommen, nachdem Fakten bekannt wurden, aus denen hervorgeht, dass Asperger sich dem NS-Staat gegenüber kooperativer verhalten hat, als eine verklärende Sicht wahrhaben mochte.[5] In Bezug auf seine Person ist Helden­verehrung sicher unangemessen.

Das in den USA und anderen englisch­sprachigen Ländern verwendete Diagnose­handbuch DSM-5 hat inzwischen die bisherigen Diagnosen »(früh­kindlicher) Autismus« (nach Kanner) und das nach 1990 eingeführte »Asperger-Syndrom« zu einer einheitlichen »Autismus­spektrum-Störung« mit Abstufung verschiedener Schwere­grade zusammen­gefasst. Es steht zu erwarten, dass eine künftige Neufassung der ICD (Inter­national Classifi­cation of Diseases) der Welt­gesundheits­organisation sich dem anschließen wird. Nichts­destotrotz ist und bleibt »Asperger-Syn­drom« ein einge­bür­gerter Terminus zur Bezeich­nung eines Typs von Autis­mus, der das soziale Handlungs­vermögen der Betrof­fenen im Allgemeinen und ihre verbale Kommunikations­fähigkeit im Besonderen weniger drastisch einschränkt als der klassische früh­kindliche Autismus des Kanner­schen Typs – und der gerade durch das von Asperger beschriebene Neben­einander von Lebens­erschwernis und Potenzial charakte­risiert ist. Trotz der klaren Indizien für ein Kontinuum an Ausprägungen ist das Konstrukt »Autismus­spektrum« in praktischer Hinsicht problematisch, weil die Unter­schiede innerhalb dieses Spektrums größer sind als der Unterschied zwischen dem »hoch­funktionalen« Teil des Spektrums und dem Bevölkerungs­durchschnitt.

Ganz pragmatisch bedeutet das für uns: Wir halten an der Bezeichnung »Asperger-Syndrom« fest, weil Aspergers Beschrei­bung trotz mancher Defizite die Problem­lage unserer Ziel­gruppe quali­tativ am besten trifft. Wir betreiben einen »Asperger-Stamm­tisch« und keinen »Autismus­spektrum-Stamm­tisch«, weil wir uns darüber im Klaren sind, dass wir nicht das gesamte Autismus­spektrum repräsentieren können – weil unsere Aktivitäten ein Niveau an Selbst­ständigkeit voraussetzen, das nicht im ganzen Autismus­spektrum gegeben ist. Auf dieser Grund­lage versuchen wir einen möglichst großen und viel­fältigen Personen­kreis anzu­sprechen. Unsere Namens­gebung geht einher mit dem Bewusst­sein, dass die Bezug­nahme auf Asperger auch eine kritische Ausein­ander­setzung mit seinem Wirken ein­schließen muss.

Zur kritischen Auseinander­setzung in fach­licher Hin­sicht gehört auch, dass Aspergers Begriff von »Autis­mus« immer mit gewissen Unklar­heiten behaftet geblieben ist. Sein Sprach­gebrauch ist in mancher Hin­sicht für uns unzeit­gemäß. Von »autisti­schen Psycho­pathen« können wir heute nicht mehr reden, weil das damals neutrale Wort »Psycho­path« heute negativ besetzt ist. Dass Asperger indes die Zu­schrei­bung »autistisch« nur als Adjektiv verwendet und nirgendwo von »Autisten« spricht (abkür­zend für »autistische Psycho­pathen« sagt er: »die Autisti­schen«[6]), wird selten bemerkt und wäre doch einer Über­legung wert: »Autisti­sche« Wahr­nehmungs- und Ver­haltens­weisen stellen einen Aspekt eines Menschen dar, der eine Persön­lich­keit prägt und doch nicht das Ganze determi­niert. Weder für die patho­logi­sierende Stig­mati­sierung von »Autisten« noch für ihre identitäts­poli­tische Selbst­inszenierung (die logisch wider­sinnig ist, weil sich aus der heute all­gemein ver­tretenen Auf­fassung von Autis­mus als Konti­nuum keine identi­täre Abgren­zung der »Autisten« von den »Neuro­typischen« her­leiten lässt) hat Asperger eine Grund­lage geliefert.

H. B.

  1. Hans Asperger: Die ›Autistischen Psychopathen‹ im Kindesalter. Archiv für Psychiatrie und Nerven­krankheiten 117 (1944), S. 76–136.  ↩

  2. Simon Baron-Cohen: The extreme male brain theory of autism. Trends in Cognitive Sciences Vol. 6 No. 6 (June 2002).  ↩

  3. Leo Kanner: Autistic Disturbances of Affective Contact. Nervous Child 2:217–50 (1943).  ↩

  4. Asperger spricht davon, dass einigen ehemaligen Patienten Karrieren in »ausgesprochen intellek­tuellen« Berufen gelungen sind (a. a. O., S. 134). Damit meinte er sicher etwas anderes als die heute um sich greifende Vermark­tung von »Autisten« als IT-Fachidioten für Stumpfsinns­arbeiten auf hohem Niveau durch Firmen, die sich für die Ent­deckung dieser Markt­nische als Wohl­täter feiern lassen.  ↩

  5. Siehe John Donvan / Caren Zucker: The Doctor and the Nazis, Auszug aus In a Different Key: The Story of Autism, New York 2016, und unsere Notiz dazu.  ↩

  6. Auch im Englischen wird für autistische Personen überwiegend die adjektivische Bezeichnung »autistic« verwendet, »autist« scheint weniger gebräuchlich.  ↩